Charles de Foucauld wollte nach seiner Bekehrung Jesus von Nazareth zu seinem einzigen Vorbild machen: Jesus von Nazareth, Jesus in Nazareth. Darüber hat er viel meditiert. So stellt sich die Frage, welche Bedeutung hat Nazareth für Jesus gehabt? Kann davon so etwas wie eine Nazareth Spiritualität abgeleitet werden, die auch Menschen des 21. Jahrhunderts noch etwas zu sagen hat. Dazu einige theologische Überlegungen. Jesu "Nazaräer-Dasein" "Nazaräer" sein - Was bedeutet das für Jesus, seine Person, seinWerk? Für Jesus heißt dies, dem Erlösungsgeschehen durch seine Menschwerdung ein konkretes Gesicht geben. Sein "Nazaräer-Dasein" war für Jesus, wie für alle Nazaräer dieser Welt, zunächst eine Tatsache; eine Gegebenheit von Geburt an, eine Lebenserfahrung. Diese Erfahrung hat, wie für einen jeden von uns, seine Persönlichkeit geprägt. Sichtbar wird es in all seinem Handeln und seinen Reaktionen, sei es auf den Wegen durch Galiläa und Judäa, sei es in der Menschenmenge die zum Osterfest nach Jerusalem hinaufzieht. (So wie wir Jesus in den Evangelien reden, handeln und leben sehen, von dem können wir reden, von dem her können wir unsere Theologie entwickeln.) Nazareth, dahinter stehen Jahre, Jahre einer Erfahrung, die dem ganzen Leben Jesu Richtung geben. Er hat den Blick und die Sensibilität der Menschen seiner Gegend in sich aufgenommen und verinnerlicht; zugleich lebt er aber in tiefer Verbundenheit mit seinem Vater im Himmel. Es sind Jahre in der seine Liebe dieser Welt gilt, die der Vater so sehr geliebt hat, aber in denen er auch schmerzlich erfährt, dass das wahre Gesicht seines Vaters dieser Welt verhüllt bleibt. Nur verzerrt wird es ihr angeboten. Was tun? Wie vorangehen? Diese Fragen stellten sich wohl auch für Jesus. Wie kann er in seiner "demütigen Gegenwart" Antwort auf die Erwartung seines Vaters geben? "Nazaräer"sein: Von seiner Herkunft her wusste Jesus was dies aus sozialer und religiöser Sicht bedeutete. Später hat er diese seine Art in der Welt zu sein bewusst gewählt, um das Antlitz seines Vaters den Menschen kund zu tun und Sein Werk zu vollenden. Offenbarung und Erlösung stehen so in engem Zusammenhang mit dieser Nazaräer-Realität. Als Jesus seine einzigartige Beziehung zu seinem Vater bewusst wird und ihm der Sinn seines Namens: Gott rettet! aufgeht, lebt er zutiefst aus dieser Sohnbeziehung und das Werk seines Vaters wird sein Anliegen. Seine Berufung lebt er als Nazaräer. Sein Sein mit dem Vater, seine Sohnschaft realisiert sich im einfachen Ablauf des Alltäglichen und das was ihm der Vater aufgetragen hat verwirklicht er im Mit-sein, in den einfachen Beziehungen zu seinen Brüdern und Schwestern. Sie ermöglichen es ihm, in ihrem Namen vor den Vater zu treten und ihn inständig zu bitten, dass er sein Werk des Heils zur Vollendung bringen möge. Aber welchen Schmerz musste Jesus aushalten, da er einerseits in enger Beziehung zu seinem Vater lebte und das Antlitz der Liebe kannte, andererseits aber eng mit seinen Brüdern und ihrer Welt voller Konflikte und Zerrissenheiten verbunden war. Es scheint, dass es der Aufruf seines Cousins Johannes des Täufers war, der Jesus Nazareth verlassen lässt, um sich als Nazaräer unter die Menge derer zu mischen, die sich taufen lassen. "Kehrt um! Das Reich Gottes ist nahe!", verkündet Johannes... Das Volk scheint zu antworten. Welche Hoffnung für Jesus. Hier, sagen die Evangelisten, geschieht das Ereignis, das für Jesus alles ändern wird: Während Jesus sich taufen lässt und betet, empfängt er diese Worte des Vaters: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen." (Lk3,22) Tiefe Gotteserfahrung die Jesu Sendung erneuert. Seine bis dahin spontan gelebte Beziehung als Sohn, drückt sich plötzlich aus, findet eine Sprache um sich mitzuteilen. Er, der Nazaräer, der sich unter die Menge mischte, solidarisch mit ihrer Bereitschaft zur Umkehr weiß sich "geliebt"! Sich dieser Tatsache bewusst werdend, wäre das nicht auch der Weg, der seine Brüder zur wahren Umkehr führen würde? Wenn auch sie sich als "vielgeliebte Söhne" entdeckten, würden sie dann nicht wahrhaftig zu Brüdern untereinander? Natürlich ruft Johannes zur Umkehr auf. Aber es bleibt die Frage, welchem Gott sich zuwenden? Einem Gott, der die Axt in der Hand hat? Drängt es da nicht, endlich das wahre Gesicht des rettenden und befreienden Gottes den Menschen nahe zu bringen? Aber wie ist es möglich, dieser lebendige Ausdruck Gottes zu sein, sein Wort für diese Welt? Nicht nur seine Herkunft aus Nazareth wird die Sendung Jesu kennzeichnen, sondern vor allem seine Wahl als Nazaräer zu wirken: Prophet ja - aber Prophet als Nazaräer; Messias ja, aber ein Nazaräer-Messias; Go-el ja, aber als Nazaräer. Die Evangelien bezeugen diese Überzeugung Jesu: Ausgehend von seinem Nazaräer-Dasein (die allen Menschen gemeinsame Bedingung bis zum Schluss auf sich nehmend ohne selbst dem Skandal auszuweichen zu versuchen) kann er so
In der Tat bringen alle 4 Evangelien vom Beginn des Sendungsberichts Jesu an, diesen Bezug zu Nazareth: Mk 1,9-11; Mt 4,12-17; Lk 4,16-30; Joh 1,41-25.
Immanuel - Gott mit uns Der aller Menschheit nahe sein wollende Gott musste ein „Nazaräer“ sein, musste die Identität der "Entferntesten" annehmen, um so "Bruder", "Freund" und "Retter" aller Menschen zu werden.
Und so handelt Jesus von Nazareth: Von seiner Option überzeugt, bleibt er bei den Menschen, die als von Gott entfernt gelten und er nimmt die Verachtung unter der die Armen (Jes 53) leiden auf sich. Jesus trifft keine Wahl für die "Armut", noch für das "Schweigen", aber seine Wahl gilt der Geschwisterlichkeit: "...deswegen schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen, indem er sagt: "Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden... (Hebr 2,11-12). Folglich wird er bis ins Extrem unter der Armut der Armen und mit ihnen leiden und wird wie sie ertragen, zum Schweigen verurteilt zu sein. Doch gerade in diesen konkreten Bedingungen tut sich das Antlitz der Liebe Gottes kund. Gott ist da, genau wo wir sagen, da kann er nicht sein. Jesu Nazaräer-Dasein, freiwillig auf sich genommen, wird so zur "offenbarenden Kraft der beunruhigenden Neuheit seines Vaters." Seine Liebe ruft zur Freundschaft auf, beginnend bei den Letzten dieser Welt; und diese Option für die Armen ist es, die zu seiner Ablehnung führt. Abgelehnt wird also die Freiheit der Liebe, mit der Gott liebt. Ganz konkret wird Jesus seine leidenschaftliche Liebe zu Gott und den Menschen leben und somit auch das wahre Gesicht des Menschen und seiner Berufung aufleuchten lassen. Nazareth - Geheimnis des Lebens Jesu Nazareth wird zum konkret historischen Zeichen einer Wahrheit, die da heißt: Heilbringende Menschwerdung Gottes. Nazareth ist zuerst diese geschichtliche Wirklichkeit der Erscheinung Gottes in Fleisch und Blut. Der Sohn wurde einer von uns, unter den konkreten Lebensbedingungen eines Dorfes mit all dem was dies an Geschichtlichkeit beinhaltet: Zugehörigkeit zu diesem Volk, diesem Dorf, dieser Kultur, dieser Sprache, aber auch Entwicklung und Wachstum, entsprechend den Gesetzen der menschlichen Natur. Nazareth - eine Wirklichkeit, die so menschlich ist, dass Gottes Gegenwart unter den Menschen nicht auffällt, dass die Nachbarn, die Mitbürger und selbst seine besten Freunde scheinbar nichts von diesem tiefen Geheimnis Gottes in diesem Nazaräer ahnten. Nazareth bedeutet wahrhaftig "verborgenes Leben" und zwar im Sinne von Paulus, der in Col 3,3 schreibt: "...euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott." Das ist die Realität unseres Christseins, weil es die Realität "Christi" war. Nazareth heißt auch "demütige Gegenwart Gottes" in menschlicher Gestalt. Sie ist eine Notwendigkeit, damit von menschlicher Seite eine Antwort aus Liebe und in Freiheit möglich wird. Als "der Sohn" lebt Jesus all seine Beziehungen unter dieser Nazaräer-Bedingung, die er freiwillig gewählt hat. Als einer unter den Namenlosen und Machtlosen kann er "Bruder aller Menschen“ werden. Als Armer, als Zugehöriger dieses verachteten Volkes wendet er sich seinem Vater, seinen Brüdern und Schwestern zu (ob Samariterin oder Kanaanäerin, ob Jude oder Römer, ob Schriftgelehrter in Israel oder Fischer am See Genezareth, ob Zöllner oder Pharisäer, ob Armer oder Reicher). Diese Wirklichkeit die Nazareth heißt, heißt auch Solidarität. Jesu Solidarität drückt sich in jeder persönlichen Begegnung aus. Jeder Mensch darf erfahren, dass er respektiert und geliebt ist. "Nazareth" stellt den Anspruch, dass persönliche Beziehungen nicht auf Kosten von Strukturen zugrunde gehen dürfen. Ausgehend von den Verachteten und Ausgestoßenen machte Gott sich zum Bruder der Menschheit. Im Nazaräer verwirklicht sich die Verheißung Gottes: Immanuel - Gott mit uns. Warum ausgerechnet Nazareth? Diese Wahl offenbart uns etwas Wesentliches über Gott. Nicht nur, dass er einer von uns wurde in der Bescheidenheit und Bedingtheit unseres wahren menschlichen Daseins, sondern seine menschliche Solidarität wollte er bis in die soziale Unterdrückung hinein leben, um zu zeigen, dass der umfangenden Liebe Gottes nichts entgeht. Gott ist liebend gegenwärtig, gerade dort, wo man ihn nach menschlichen Kriterien am wenigsten erwartet. Doch er will jedem, bedingungslos jedem Menschen seine volle Würde, seinen Platz als Bruder und Sohn, als Schwester und Tochter zurückgeben. Nazareth wird so zum Zeichen der Einfachheit Gottes und zum Zeichen der Hoffnung für alle. Nach Nazareth "hinabgehen" heißt die angesehenen Orte der Geschichte verlassen: Schon die alttestamentliche Glaubenserfahrung zeigte, dass das wahre Angesicht Gottes weder im Gewitter, noch im Erdbeben zu finden ist... Erst nach seinem "Vorübergang" kann man ihn sozusagen vom Rücken her wahrnehmen. Auch Jakob entdeckte Gottes Gegenwart erst im Nachhinein: "Gott war da und ich wusste es nicht:" Es ist "seine" Art, Gottes Art ist es, sich in dem was schwach ist kundzutun. Im Elijaszyklus wird dies deutlich sichtbar: Bei der armen Witwe von Sarepta, die ihre letzte Handvoll Mehl hergibt, ist Gott gegenwärtig (I Kg 17,12-14). Im Gegensatz dazu, der falsches Aufsehen erregende Erfolg auf dem Berg Karmel: Hier kommt sehr wohl Feuer vom Himmel und die Baalspropheten werden hingemetzelt, aber war Gott hier zu finden? Keine Bekehrung, kein Frieden für Elija; nur Angst und Flucht (I Kg 19,3): Elija muss sich sein Scheitern eingestehen. Als er in seiner Armut dann vor Gott tritt, wird neue Gottesbegegnung möglich (I Kg 19,9-18). Es gibt "etwas" an Gott, dass sich nur in den Armen, den Kleinen erkennen lässt, in ihrem einfachen Leben mit ihren Schwächen. "Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dieses vor Weisen und Klugen verborgen, Unmündigen aber geoffenbart hast" (Mt 11,25). Jesus selbst ist " der Arme". In der Ohnmacht seiner Liebe wird dies sichtbar. Als er zu uns Menschen kam, kam er als Nazaräer und wollte "Brot" sein... In der Verachtetheit (im Nichtoffenbaren seiner Sohnschaft) tut sich seine wahre Identität kund: Er ist Liebe, eine verrückte Liebe . . . die sich nicht aufdrängt. "Nazareth" ist also nicht auf den großen Straßen der Geschichte zu finden. Es ist die bescheidene Gegenwart im Herzen der Massen, von der die Geschichte nichts erwartet, aber die Leiden erträgt und sich gedulden kann. Dass Jesus Nazareth gewählt hat, zeigt uns, wie sehr Gott dieses einfache Leben gefällt. Diese Einfachheit des Alltags interessiert ihn, denn hier will er sein Werk für die Milliarden von erstaunten Nazaräern einpflanzen. - "Wann haben wir dich hungrig, durstig, nackt oder als Fremden gesehen"...(Mt 25,37ff) Oft sind wir versucht, diese Einfachheit mit großen Zeichen zu füllen, mit etwas Außergewöhnlichem, das ihr einen Sinn geben soll; oder man ist versucht, vor dieser Banalität zu flüchten. Dass Jesus Nazareth gewählt hat, erinnert uns daran, dass dieses einfache Leben ganz nach dem Evangelium ausgerichtet sein kann. Alle können „beim Vater sein“ und an der „Sache Gottes" mitwirken. Ja, um Nazaräer zu bleiben muss man den tiefen Sinn von Nazareth verstanden haben und ohne Unterlass darauf zurückkommen. Als Nazaräer werden wir geboren, bleiben werden wir es aber nur aus eigener Überzeugung und Treue. Wählen werden wir Nazareth aus Liebe, aus einer klaren, überlegten Liebe, die weiß, warum sie hier bleibt. Vielleicht war es sogar "notwendig", dass Gott diese Solidarität mit den Ausgeschlossenen lebte, denn sie bildet den Kern seines Erlösungswerkes. Er, "der will, dass alle Menschen gerettet werden" (l Tim 2,4) und zwar der ganze Mensch. Aus dieser Sicht wird die Bedeutung der Menschwerdung verständlich. Ganz Mensch, so nimmt Jesus die Etappen der Kindheit, der Jugend und des Erwachsenenalters schweigend auf sich. Musste er nicht diese Solidarität mit der gesamten Menschheit leben, ausgehend von jenen, die in den Augen der Menschen als die Entferntesten von dieser Einheit mit Gott, dieser Gemeinschaft der Kinder Gottes, galten? Eben mit jenen, die nicht mehr als Schwestern und Brüder, nicht mehr als Töchter und Söhne des Reiches Gottes behandelt wurden. Mit seinem Kommen brachte er die Gemeinschaft mit Gott für alle. Man spricht von der Theologie der Versöhnung; wer sonst könnte sie vorschlagen als der, der vergeben kann. Und er, der vergeben kann stellt sich radikal auf die Seite des Opfers. Das Leben von Nazareth bringt in dem Maß Heil, in dem sein "Nazaräer Dasein" nicht einfach ein "come loro" bedeutet, sondern ein Leben in doppelter Gemeinschaft:: Gemeinschaft mit dem Vater und Gemeinschaft mit den Brüdern und Schwestern. Nazareth ist weder ein Kloster, noch eine Einsiedelei. Nazareth ist ein Dorf...und nirgends wird gesagt, dass Jesus sich dort bevorzugt dem Gebet und der Kontemplation gewidmet hätte. Aber Nazareth, das sind 30 Jahre ohne Verkündigung, ohne Bekehrung, ohne Wunder, ohne Außergewöhnlichem. Also ein intensives Innenleben, ein kontemplatives Leben! - Ja, und diese Dimension ist wesentlich für das Leben in Nazareth: "Ich muss bei meinem Vater sein...“ Aber gibt es da nicht noch etwas anders? Vielleicht doch!- Zuerst und an 1. Stelle steht das ganz einfache Leben dieses Mannes! Wohl ein wesentliches Merkmal, . . nur wir tun uns schwer, diese Tatsache ernst zu nehmen. (Was wäre dieser Atem Gottes ohne einen Leib zu beseelen, ohne einen Leib der mitschwingt!) Diese Leibhaftigkeit, diese geschaffenen Beziehungen unter den Nachbarn, die Arbeit, der Brunnen, das Zusammenleben in einem Dorf mit seinen Freuden und Konflikten, diese gelebte Solidarität in der Banalität des Alltags ist es, die durch diesen Atem, diesen Geist Gottes, der im kontemplativen Herzen Jesu beheimatet ist, verwandelt wird. Es ist nicht "die Zeit in Nazareth", der an sich eine besondere Bedeutung zukommt. Die Evangelien berichten uns sehr wenig, sozusagen nichts darüber. Es ist diese "Nazaräer Identität" dieses Jesus, die von Wichtigkeit ist, denn sie steht im Zentrum des Erlösungsgeschehens, das sich in den verschiedenen Etappen des Lebens realisiert und in seinem Hinübergang (Ostern) zur Vollendung gelangt. "Denn Christus ist... in den Himmel selbst eingegangen, um nun vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen." (Hebr 9,24) Wenn schließlich der Auferstandene bittend für uns eintreten kann, dann deshalb, weil er für immer der Nazaräer bleibt, in einzigartiger Weise mit uns verbunden. Dieser Nazaräer, der sein Leben damit verbracht hat, Beziehungen zu schaffen, er der unser Bruder, unser Go el wurde, um Seinen Leib aufzubauen. Sich an den Vater wendend kann er sagen: "Siehe hier bin ich und die Kinder, die du mir gegeben hast." (Hebr 2,13). "Vater ich will, dass wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast..." (Joh 17,24) Nazareth sagt man uns, ist eine Spiritualität, eine innere Erfahrung. Ja aber eine Erfahrung, die fordert, dass sie Gestalt annimmt, nicht irgendeine Gestalt, sondern die seines Leibes. "Nazaräer", das ist kein Titel wie so manch andere Titel, die auf eine Funktion verweisen und aussagen, wer Jesus für die Gemeinde ist, wie z.B.: Messias, König, Menschensohn, Richter, Hohepriester, Bräutigam. Diese Hoheitstitel verweisen auf seine einzigartige Stellung, schaffen aber zugleich Distanz. Diese wird von der Gemeinde auch anerkannt und kommt in der Anbetung und im gelebten Gehorsam ihm gegenüber zum Ausdruck. "Nazaräer", diese Bezeichnung sagt jedoch Wesentliches aus: In wichtigen Begebenheiten wird Jesus in Beziehung mit Nazareth dargestellt, besonders wenn es um die Annerkennung oder Ablehnung seines messianischen Auftrags geht. Eine Wirklichkeit, die die Art und Weise seines Daseins auszeichnet und die Art und Weise, wie er seine Sendung als Messias, König, Prophet, Retter, lebt, nämlich als Mann aus Nazareth, bedingt durch die Nazareth-Gegebenheiten. Jesus ist "Nazaräer" sowie er "Freund" ist. Auch diese Bezeichnung ist kein offizieller Titel und trotzdem ist er von großer Bedeutung. Nur in zwei Stellen wird Jesus als Freund bezeichnet; in Lk 7, 34: ... "ein Freund von Zöllnern und Sündern", und in Joh 15,13-15: "Ihr seid meine Freunde...“ Ohne diese Bezeichnung würde die Gemeinschaft, die Jesus den Menschen bringt und zu der er aufruft, diese untereinander zu leben, nur einseitig mit Hoheitstiteln beschrieben, in denen Jesus in göttlicher Autorität erscheint. Mit dem Wort "Freund" gibt der "Nazaräer" seinem Dasein eine persönliche Note. Jede Beziehung erhält dadurch ihre eigene Prägung. Alle Beziehungen entstehen aus dieser Nazareth-Gegebenheit und werden im Blick auf eine Freundschaft hin gelebt. "Ich und der Vater sind eins." (Joh 10,30) Sein "ganz beim Vater sein als Sohn" lebt Jesus in der geschwisterlichen Verbundenheit mit den Nazaräern. Hier sind all seine Beziehungen und seine menschliche Liebe verwurzelt, natürlich auch in der Zugehörigkeit zu seinem Vater. Als Sohn kann er sagen:"Meine Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandthat." (Joh 7,16) Gerade als Sohn wollte er dieses menschliche Dasein, wählte er einen Leib, der mit dem Herzen Gottes mitschwingen kann.. Keinen schließt Jesus aus. Mit einer erstaunenswerten Freiheit verkehrt er mit Männern und Frauen, Galiläer oder Samariter, Juden und Römer, Heiden und Gelehrte des Tempels, reiche Zöllner wie Zachäus oder Levi und Arme, Kranke, Aussätzige... Aber seine Gegenwart fordert zur Stellungnahme heraus. Die "Masse" der einfachen Leute erkennt ihn als einen der ihrigen an, leider will sie ihn für sich vereinnahmen und ihn nach ihrer eigenen messianischen Konzeption benutzen. Die "Reichen" nehmen ihn auf und öffnen sich seinem Messianismus, so z.B.: Zachäus, der nicht nur sein Unrecht gutmachen will (das Vierfache zurückerstatten übersteigt bereits die Vorschrift des jüdischen Gesetzes), sondern seinen Besitz mit den Armen teilen will. Martha, die Schwester des Lazarus, ihr fällt es schwer, mit der Tradition zu brechen (sie weiß, wie man einen Gast bei ihr zu Hause bedient, aber sie vergisst, dass der Eingeladene sie auch beschenken kann). Doch Martha lernt, wie ihre Schwester Maria, eine Hörende zu werden und ihr Bedauern (wenn du hier gewesen wärest...) wandelt sich in Hoffnung: Ja Herr, ich glaube, dass du die Auferstehung und das Leben bist, jetzt, für mich! (Joh 11,21-27) Als Nazaräer verkündigt Jesus das Reich Gottes und da kann er, was das Antlitz der Liebe seines Vaters betrifft, keinen Abstrich machen. Getragen von der Liebe seines Vaters gilt sein Erbarmen ausnahmslos allen Menschen. Hier will Jesus, so wie er ist, akzeptiert werden, ansonsten würde seine Gegenwart die bestehende Spaltung noch verstärken. Nazareth - Zeichen der "demütigen Gegenwart" Gottes In Johannes 7 haben wir gesehen, dass Jerusalem für Jesus zur Versuchung wird, nämlich groß und erkennbar als Messias aufzutreten. Auf dem Spiel steht die besondere Art des Messianismus Jesu. Nazareth ist das wahre Zeichen, das Sakrament der "demütigen Gegenwart Gottes". Sie ist da, wo wir sind, sie begleitet uns, egal wo wir hingehen und sie ist es, die still in den Herzen der Menschen wirkt und sich durch die Banalität des Alltags hindurch ihren Weg bahnt. Nazareth ist auch das wahre Zeichen der menschlichen Berufung. Hier hören wir Seinen Ruf, hier begegnen wir ihm und hier lädt er uns ein, sein Reich anzunehmen. In der Nachfolge des Nazaräers, in der Einfachheit von Nazareth ist es möglich, ein kontemplatives Leben zu führen und am Kommen des Reiches Gottes mitzuwirken. Gerade in diesen bescheidenen Zeichen, "Mikro-Zeichen", wenn man so sagen will, vorausgesetzt, dass wir sie nicht als ganz kleine Zeichen verstehen, sondern als Zeichen, die von einer ganz anderen Art sind. An sich sind es die einfachen Gesten, die Beziehungen unter den Menschen schaffen, Beziehungen, die herkömmlich als "rein weltlich" gelten! -Aber unser Glaube als Nazaräer sagt uns, dass ja gerade diese Gesten vom Geist Gottes getragen und immer neu gestaltet werden. Durch sie werden die Erstlingsfrüchte in seinem Reich gepflanzt, in der endgültigen Gemeinschaft mit ihm. Aber diese Dimension der endgültigen und allumfassenden Geschwisterlichkeit offenbart sich erst - und zum Erstaunen aller -, wenn der Menschensohn sich in seiner Herrlichkeit zeigt (Mt 25,31). Es ist einzig und allein Sein Werk. Die Tragweite seines gewollten "Nazaräer Daseins" enthüllt sich im Licht der Auferstehung. Die in aller Stille gelebte Solidarität zeigt uns, dass der sich uns nahende Gott es ernst mit uns meint. |